On Air - Der Blasmusik Podcast
Podcast rund um das Thema Blasmusik. Andy Schreck, selbst u.a. Dirigent und Lehrer für Musik an einem Gymnasium trifft sich mit Musikern, Dirigenten, Komponisten und Visionären um über Musik und das Leben zu sprechen und andere für neue Ideen zu begeistern.
On Air - Der Blasmusik Podcast
Sonderfolge - Wird Musikunterricht bald zum Luxus? - Eva Riedel (Präsidentin des LMU Bayern)
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Eva Riedel hat Lehramt Schulmusik in Würzburg studiert, wo sie auch mittlerweile Musiklehrerin an einem musischen Gymnasium ist. Außerdem ist sie Präsidentin des Landesverband Bayern im Bundesverband Musikunterricht.
Wir diskutieren die aktuelle Entscheidung der bayerischen Regierung Musik, Kunst, Handwerken und Gestalten zu Gunsten von Mathe und Deutsch zu kürzen.
Instagram:
@andyschreck_
@bmu.musik
Landesverband Musikunterricht Bayern
Bitte unterstützt die folgende Petition, damit wir eine Chance haben, das Ganze rückgängig zu machen:
https://www.change.org/p/stoppe-die-zusammenlegung-der-f%C3%A4cher-kunst-musik-und-werken-in-den-grundschulen-in-bayern?utm_content=cl_sharecopy_37909253_de-DE%3A5&recruiter=80214742&recruited_by_id=7a3c9f00-7834-0130-ad12-3c764e044e9e&utm_source=share_petition&utm_medium=copylink&utm_campaign=psf_combo_share_message&utm_term=psf_combo_share_initial
Das ist natürlich die große Sorge, weil dann ist es nämlich plötzlich kein reines schulisches Problem mehr, sondern dann geht es auch in unser aller kulturelles Leben, was ich sowieso glaube. Je weniger Musik und Kunst du machst, umso weniger werden sich die Kinder dafür interessieren und öffnen lassen. Also das mal ganz abgesehen.
SPEAKER_01Herzlich willkommen bei OnAir, dem Blasmusik-Podcast. Mein Name ist Santi Schreck und ich treffe mich mit Dirigenten, Komponisten, Musikern und Visionären aus der Welt der Blasmusik. Wir sprechen über Ansichten, neue Ideen, das Leben und natürlich Musik. Herzlich willkommen zu einer neuen Folge von OnAirDeben Blasmusik Podcast. Und wenn ihr regelmäßig einschaltet, merkt ihr, dass die Folge heute gar nicht an einem Donnerstag kommt, sondern an einem Dienstag. Und das liegt am Thema. Denn wie ihr bestimmt mitbekommen habt, hat die bayerische Regierung letzte Woche ausgerufen, dass Musik, Kunst, Handwerken und Gestaltenunterricht zu einem Fach zusammengestrichen wird, damit mehr Platz für Mathe und Deutsch sein soll. Dass das natürlich mein Musikerherz, das auch noch für Bayern schlägt, obwohl er nicht mehr in Bayern lived, sehr weh tut und ich den Aufschrei auch in der Gesellschaft mitbekommen, dachte ich mir, ich lade mir jemanden ein, mit dem ich darüber rede. And da kam mir Eva Riedl, we kennen uns noch aus Würzeburger Zeiten gerade recht, denn sie ist die Presidentin des Landesverband Bayern für Musikunterricht. Wenn ihr jetzt schon euch fragt, was kann ich tun, before ich das Gespräch überhaupt gehört habe, damit das nicht passiert oder damit wir das wieder rückgängig machen, ich verlinke euch in den Shownotes eine Petition und jetzt wünsche ich euch ganz viel Spaß. Meine heutige Gästin hat Lehramt Schulmusik in Würzburg studiert, wo sie auch mittlerweile Musiklehrerin an einem musischen Gymnasium ist. Außerdem ist sie die Präsidentin des Landesverband Bayern im Bundesverband Musikunterricht. Ich freue mich, dass es so kurzfristig geklappt hat und sage herzlich willkommen, Eva Riedl.
SPEAKER_02Hallo Andi, schön, dass ich vorbeikommen durfte.
SPEAKER_01Sehr gerne. Es gibt eine Tradition in diesem Podcast, bevor wir richtig anfangen. Und das ist die erste Frage. Welches Musikstück hast du dir als letztes bewusst angehört?
SPEAKER_02Pierolunaire. Von Schönberg, genau.
SPEAKER_01Warum?
SPEAKER_02Aus dem einfachen Grund, weil der Lehrplan in der 10. Klasse neu ist und es um die Jahrhundertwende ging und ich überlegt habe, was mache ich bei Expressionismus. Und dann habe ich Pierolunaire gehört.
SPEAKER_01Okay. Das haben wir damals kurz vorm Examen sehr auseinandergenommen. Das weiß ich noch.
SPEAKER_02Ah ja, vielleicht kannst du mir helfen dann.
SPEAKER_01Ich glaube nicht so. Okay. Es hat ja einen Anlass, dass wir uns heute treffen und eigentlich gar ein so schöner, weil ja, wie die meisten vielleicht mitbekommen haben, die bayerische Regierung jetzt auf die Idee kam, zukünftig in Grundschulen Musik, Kunst, Gestalten und Handwerken zusammenzustreichen, zu einem Fach, was natürlich berechtigterweise zu großem Aufschrei kam.
SPEAKER_02Ja, genau.
SPEAKER_01Ja, jetzt sind so ein paar Tage vergangen. Wie geht's dir erstmal?
SPEAKER_02Erstmal natürlich habe ich nochmal nachgelesen. Es ist natürlich, Frau Stolz ist tatsächlich heute ein bisschen zurückgerudert. Wie soll es einem gehen? Ich habe selber ein Grundschulkind und ich bin Musiklehrerin. Man macht sich natürlich große Sorgen. Tatsächlich ist es so, dass halt eine Stunde eingespart werden soll in den Fächern, die normalerweise fünf Stunden insgesamt umfassen, wobei davon Kunst eine Stunde und Musik und Werken jeweils zwei Stunden haben. Insgesamt soll da eine Stunde eingespart werden. Das klingt erstmal nicht viel, aber Fakt ist, dass quasi die kreativen Fächer zusammengekürzt werden. Das macht mir natürlich schon große Sorgen, weil du und ich, wir wissen ja beide, wie wichtig das für die kindliche Entwicklung ist.
SPEAKER_01Meine Frage erstmal, wusstet ihr, dass vorher, bevor das jetzt groß angekündigt wurde? Also steht der Landesverband da so direkt in Verbindung mit der Politik oder machen die einfach, wie sie wollen?
SPEAKER_02Nee, wir stehen schon in Verbindung. Wir haben auch die große Sorge gehabt, dass das passiert, nachdem die PISA-Ergebnisse veröffentlicht wurden. Wir haben auch vorneweg quasi schon einen Brief geschrieben mit der Bitte darum, doch nicht an den kreativen Fächern zu kürzen. Also es war tatsächlich was, was wir irgendwie haben kommen sehen. Allerdings, was dann natürlich sehr enttäuschend war, ist, dass wir quasi so eine Standardantwort von Frau Stolz bekommen haben, man würde uns in einen Dialogprozess mit einbeziehen und der hat de facto nicht stattgefunden. Es gab dann einfach die Presseerklärung und von Dialog kann keine Rede sein, quasi. Wir wurden halt einfach abgespeist, genau.
SPEAKER_01Aber wusstet ihr das schon einen Tag vorher oder erst als die Pressemitteilung rauskam?
SPEAKER_02Nee, erst als die Pressemitteilung rauskam, da hat uns niemand informiert.
SPEAKER_01Okay, wie muss ich mir das vorstellen an so einem Tag? Wie viel oder wie oft klingelt da dann dein Handy?
SPEAKER_02Also oft. Es war natürlich, wir sind ja eng vernetzt auch mit dem VWS, mit dem Verband bayerischer Schulmusiker, mit denen haben wir uns natürlich auch im Vorfeld schon mal abgesprochen. Dann haben unsere Bundespräsidenten angerufen. Es war halt sowas wie, irgendwie hat man es kommen sehen, aber wenn es dann plötzlich da ist, ist es ein Riesenschock und es hat natürlich viel Kommunikation stattgefunden an dem Tag, aber halt auch einfach viel Ausdruck von Enttäuschung, von Unglauben. Du weißt ja selbst, dass die Bayern sich immer zelebrieren als Bildungsland Nummer eins. Und gut, wenn man jetzt in dem System arbeitet und wie ich, aber in einem Bundeslehrerverband arbeitet, dann sieht man das Ganze eh schon recht relativ. Aber dass das jetzt so kommt, dass dieses angebliche Kulturland Bayern jetzt ausgerechnet die Kinder in dem Bereich beschneidet, das hat schon hart getroffen.
SPEAKER_01Ja, wie steht es deiner Meinung denn dann überhaupt in Verbindung mit der Bayerischen Verfassung? Da steht doch ganz klar drin, Bayern ist ein Kulturstaat.
SPEAKER_02Ja, genau, da haben ja schon viele drüber geschrieben. Ist ja auch was im Bayerischen Rundfunk und sonst was passiert ist. Es ist total schwierig. Ich finde ja vor allem auch, dass kulturelle Bildung im Lehrplan verankert ist. Das ist auch was, wo wir eigentlich als Schulen ganz klar den Auftrag haben. Und die große Sorge, die ich ja mit vielen anderen teile, ist ja, dass das am Ende vermutlich nicht an Kindern wie deinen oder meinen ausgehen wird, sondern an Kindern, die halt per se durch ihre Familien keinen Zugang zu kultureller Bildung haben oder zu kulturellen Veranstaltungen oder zu Musik oder zu Kunst. Das ist ja eigentlich die Aufgabe der Schule, eine ganzheitliche Bildung und eben auch allen Kindern eine kulturelle Teilhabe zu ermöglichen, auch denen, bei denen das die Familie nicht leisten kann.
SPEAKER_01Warum zieht das Argument nicht? Also das werdet ihr wahrscheinlich auch vorgebracht haben.
SPEAKER_02Ja, das ist. Ich kann dir das auch nicht sagen. Das ist auch was, was mich deprimiert, weil, also ich habe gerade selber eine Tochter in der dritten Klasse, die irgendwie jede Woche von Mathe-Kurztests zu Deutschnachschrift, zu Deutschaufsatz, also sich von einem Prüfungsformat ins andere hangelt. Das Metal ist neun Jahre alt. Ich habe das Gefühl, die werden eigentlich nur tot geprüft und sowas wie Nachhaltigkeit und eben auch Kreativität. Man weiß, Musik steigert den IQ, es hilft zur Konzentration, es hilft bei Problemlösungen. Ich verstehe es nicht und das tut mir echt weh und so ein bisschen schämt man sich bundesweit auch, weil die Bayern ja immer so angegeben haben.
SPEAKER_01Das stimmt. Wenn du jetzt auch mal in deinen Alltag schaust auf dem Gymnasium und dir überlegst, okay, weil die Auswirkungen wirst du ja auch spüren. Ja. Zu spüren, bekommen. Was passiert da?
SPEAKER_02Naja, also wir haben ja schon quasi die Auswirkungen zu spüren bekommen, als Corona quasi den schulischen Musikunterricht ausgeschaltet hat. Das kommt, dass Kinder quasi aus der Grundschule kommen, nicht mehr singen können, ihre Stimme nicht mehr richtig einsetzen können. Auch was ich ganz viel so mache in der fünften Klasse, sind so Hörspiele, so Gedichtvertonungen. Man merkt einfach, die Kinder können damit viel weniger umgehen, die können sich weniger ausdrücken, auch auf anderen Ebenen. Es wird so eindimensional.
SPEAKER_01Stellst du auch fest, also das habe ich jetzt vor allen Dingen dieses Jahr festgestellt, dass auch so diese Körperwahrnehmung immer weniger wird.
SPEAKER_02Genau, ja, auch sowas wie Rhythmus oder dass man mal einfach nur im Takt läuft oder sich bewegt, das stimmt. Das ist alles. Ich habe eben das Gefühl, es verkümmert alles so ein bisschen. Und eigentlich wäre es, also ich meine, ich bin ja froh, muss man ja sagen, dass sie bei Sport wenigstens noch eine rote Linie gezogen haben. Aber das alles verkümmert, hat man das Gefühl, ja. Und in Bayern hast du halt auch das Problem, dass letztendlich immer weniger qualifizierter Unterricht in der Grundschule gehalten wird, weil immer weniger Kollegen dafür ausgebildet sind. Das kommt ja noch dazu.
SPEAKER_01Ja, da würde ich später nochmal dazu kommen. Ich habe, ich weiß nicht, wer es gepostet hat, es war ein Repost von Frau Stolz, die ich weiß nicht, an welchem Tag sie das geschrieben hat, ironischerweise über Werte-Ausbildung schreibt als wichtiges Element und dann den schönen Satz schreibt, denn Werte kann man nicht lehren wie Mathe oder Deutsch. Ich frage mich aber dann, wenn man das so selber auf Facebook postuliert, wie kann ich das dann vertreten? Also und vor allen Dingen, was erhofft man sich dann? Also es ist ja nur eine Stunde mehr, wenn ich es jetzt richtig geben kann.
SPEAKER_02Ja, genau, wobei bei Englisch eben noch gekürzt werden kann. Also ich glaube, du kommst letztendlich auf eine Stunde mehr Mathe und eine Stunde mehr Deutsch, wenn ich das System richtig verstanden habe. Also ich meine, sicherlich ist ein, also es gibt, sag ich mal, Stimmen in der Lehrerschaft, die im Endeffekt sagen, Frau Stolz wird auch von einer regierenden Partei in Bayern vor sich hergetrieben. Also du hast ja sicherlich auch mitbekommen, dass wiederum die drei Stunden Religion in der Stundentafel verankert bleiben. Und das ist ja wohl darauf zurückzuführen, dass es eine Partei gibt, die zumindest christlich im Namen hat in Bayern und die darauf sehr viel Wert gelegt haben. Ein bisschen ist sie natürlich auch noch jung in ihrem Job und wird vor sich hergetrieben. Es ist ja auch super lustig, dass, glaube ich, nächste Woche 140 Grundschulen in Bayern geehrt werden, weil sie musikalisch besonders herausragend sind. Es ist eigentlich fast zynisch.
SPEAKER_01Ja, ich habe aber dann auch einen Artikel gefunden und das hat mich ein bisschen, also was heißt, geschockt, aber da geht es genau um diese 140 Grundschulen. Und ein Kollege, der auch so eine Grundschule leitet, versteht aber die Aufregung gar nicht. Ich zitiere, auch an seiner Schule gäbe es keinen Protest. Bei uns wird Musik nicht gestrichen, wir gehen zum Schwimmen, bei uns ist alles möglich, aber das erfordert ein Umdenken. Wir dürfen nicht immer nur in Fachgrenzen denken und müssen uns ganz anders aufstellen. Was sagst du dazu?
SPEAKER_02Genau, den habe ich am Wochenende beim Frühstück auch gelesen. Das ist also in der Theorie ist das vielleicht möglich. Ich habe nämlich mit einer Freundin telefoniert, die hier im Landkreis Grundschullehrerin ist und mit Unterrichtsfachmusik, was ja gar nicht so oft ist, und die halt gesagt hat, weißt du was, Eva, ich mache mir jetzt nicht ins Hemd, ich werde weiterhin meine zwei Stunden Musik machen und alles ist gut. Aber also ich finde zwei Sachen an der Sache, an diesem Aspekt so schwierig. Zum einen, Schulen, die quasi keine ausgebildeten Musiklehrkräfte haben, werden sich jetzt noch weniger darum bemühen. Die füllen das nämlich dann einfach mit Werken und Kunst auf. Das heißt, das kann. Und überhaupt. Genau. Oder eben dann doch der Stunde Englisch, die sie ja nach wie vor machen dürfen. Das heißt, das ist das eine. Also ich finde, das kann halt in der Praxis durchaus passieren, dass es Grundschulen gibt, die keinen qualitätsvollen Musikunterricht mehr anbieten. Und ich habe den Artikel auch gelesen und dachte mir so, hm, komisch, da kenne ich wohl komplett andere Leute. Und viele sind halt einfach, ich glaube, also ganz viele Grundschulen in Bayern arbeiten eh am absoluten quasi Belastungsmaximum. Für die ist es wirklich Luxus zu überlegen, nehme ich jetzt zwei Stunden Kunst und eine Stunde Musik oder wie mache ich das? Die schauen, wer ist noch da, wer ist noch nicht im Krankenstand, wen habe ich noch. Also, keine Ahnung, meine Tochter war schon tagelang zu Hause, weil kranke Lehrkräfte nicht ersetzt werden konnten. Also ich glaube, es ist so eine Minimalbesetzung und ich denke, dafür hat, ich glaube, es war ein SZ-Artikel, oder? Da haben die sich halt einfach irgend so eine Vorzeigeschule geholt. Ich kann mir das nicht anders erklären. Und die Leute in meinem Umfeld, die ich kenne, die sind alle sehr besorgt.
SPEAKER_01Also ich bin ja nicht mehr in Bayern, aber selbst bei uns an der Schule wird darüber diskutiert und wir sind da auch besorgt. Also wir gucken da ja auch mit Erschrecken rüber, weil man ja trotzdem immer wieder so ein bisschen Angst hat, dass Politiker sich so einen Quatsch auch abgucken. Und das ist ja das Nächste, was mich irritiert. Baden-Württemberg hatte das ja auch mal gemacht. Genau, und die haben es revidiert, ne? Genau, aber warum guckt man nicht mal rüber und sagt, die haben das gemacht und einfach mal Expertisen erfragen, warum seid ihr dann wieder zurück? Also warum macht man den gleichen Fehler nochmal?
SPEAKER_02Ja, das ist die spannende Frage. Das passiert halt öfter. Ich habe ja auch nicht den Eindruck, dass das eine Entscheidung war, die irgendwas auf irgendeiner Expertise fußt. Gar nicht. Ich glaube, es war, ich glaube auch nicht persönlich, dass eine Stunde mehr in Mathe und eine Stunde mehr in Deutsch die Kinder dazu bringen wird, dass die besser rechnen oder lesen können. Also ich glaube einfach, du hast so viel vorgeschriebene Proben, die du da machen musst. Ich glaube, die Kinder werden in der Grundschule inzwischen tot geprüft. Die haben nur noch Zeit für Prüfungen. Und ich glaube, die Entscheidung hat überhaupt nichts mit Expertise zu tun. Keiner hat sich da irgendwelche Gedanken gemacht. Und ich glaube tatsächlich, und das ist das Einzige, was mich im Moment auch ein bisschen freut, der Protest ist ja doch recht breit. Also zieht sich ja durch mehrere Gruppen. Wir haben ja sogar Harald Lesch, der sich dazu geäußert hat. Und das ist, glaube ich, was, womit sie nicht gerechnet haben. Ich glaube, die haben einfach gedacht, das schieben sie uns jetzt auch noch so unter. Und ich glaube, daran merkt man schon, dass einfach auch viele Leute einfach mit diesem Schulsystem hadern, auch jetzt aus Elternperspektive.
SPEAKER_01Ja. Falls sich jetzt Zuhörer oder Zuhörerinnen fragen, was man tun kann, ich werde in den Shownotes auch eine Petition verlinken, die ja doch rasant steigt, was mich sehr freut. Das auf jeden Fall, aber was tut ihr jetzt im Hintergrund?
SPEAKER_02Genau, also was schon passiert ist, ist, dass wir einmal mit dem VBS gemeinsam schon eine Presseerklärung rausgegeben haben, die auf unseren beiden Homepages zu finden sind. Dann haben wir gemeinsam mit dem VBS Frau Stolz schon angeschrieben und moniert, dass ein Dialogprozess aus unserer Sicht nicht stattgefunden hat und um einen dringenden Gesprächstermin gebeten. Und bei uns ist es ja auch so, dass wir nicht nur einen Landesverband haben, sondern auch einen Bundesverband und auch der Bundesverband hat gemeinsam mit dem Musikrat heute einen offenen Brief verschickt. Im Moment sind das halt alles so politische Aktionen.
SPEAKER_01Der ist ja verrückt, weil ja im Endeffekt, also der Deutsche Musikrat, ihr, ich glaube auch der bayerische Musikrat, also es sind ja genug Stimmen relativ schnell da gewesen, die gesagt haben, schlechte Idee. Ganz, ganz schlechte Idee. Ich habe ein bisschen Angst, dass das so, und ich darf das ja jetzt sagen, nachdem ich ja nicht mehr in Bayern bin, dass das so ein bisschen wie mit dem G9 und G8 wird, dass man da nicht zugeben will, dass das vielleicht nicht die klügste Entscheidung war und dann wird so heimlich so ein G8 Plus eingeführt, was ja, was wir damals nie G9 nennen durften und so. Also dass das einfach der Stolz zu groß ist zu sagen, war mal zu schnell. Und das wird dann irgendwie so jetzt zu Tode verwaltet und dann irgendwie erst in zig Jahren wieder zurück.
SPEAKER_02Ja, also deine Angst teile ich da schon in dem Bereich. Das Problem ist ja auch einfach ein bisschen, dass dem Fach die Lobby fehlt, eben gerade in der Grundschule, dadurch, dass es eben so wenige Lehrkräfte gibt, die das als Unterrichtsfach haben. Und deswegen sind wir schon massiv darauf angewiesen, dass möglichst viele Leute sich in einen lauten Protest mit einreihen. Weil ich, also ich teile deine Angst. Das zieht man jetzt durch, weil man es angefangen hat und weil man eben keine Religionsstunde abziehen will und weil irgendjemand denkt, eine Stunde Mathe und Deutsch wäre jetzt besser für die Kinder. Also die Angst teile ich tatsächlich und ich meine, wir laufen gegen sämtliche Wände aktuell und vernetzen uns mit wem was geht. Ich bin auch froh, dass der Netzlehrer schon was dazu gesagt hat, dass wir halt, ja genau, also dass man halt guckt, dass möglichst viele Leute laut sind und vor allem laut bleiben. Also das ist die große Sorge, dass ich jetzt denke, so bei vielen ist das halt abgefrühstückt, übers Wochenende mal kurz aufgeregt und dann ist es vorbei. Also ich teile deine Angst und ich würde gerne sagen, ich wüsste, wie man das ändern kann, aber dem ist nicht so.
SPEAKER_01Glaubst du, dass es eigentlich letztendlich nur Wahlpolitik in dem Moment Pisa fällt schlecht aus, okay, wir machen jetzt irgendwas, damit der Welle sieht. Wir tun was.
SPEAKER_02Ja, ich könnte mir keinen anderen Hintergrund erklären, weil also wissenschaftlich fundiert ist es nicht. Das kann schon mal nicht sein. Und es ist natürlich auch Mängelverwaltung, weil wir wissen ja, was Schulen eigentlich brauchen. Also ich meine, also wir brauchen nicht mehr Unterricht in irgendeinem Fach, wir brauchen mehr Lehrkräfte, wir brauchen kleinere Lerngruppen, wir brauchen mehr Binnendifferenzierung. Also es ist halt auch so ein bisschen drüber tünnchen über die wirklichen Probleme, die man hat. Und die kennt ja jeder, also die weiß man ja. Die sind ja in diversen Studien festgehalten. Und deswegen finde ich es eben völlig absurd zu denken, weil es da jetzt zwei Stunden mehr in Mathe und Deutsch gibt, werden wir in der nächsten PESA-Studie abräumen. Wir wissen ja, wo das Problem ist, auch in der sozialen Durchlässigkeit. Es benötigt ganz andere Maßnahmen und es benötigt halt, um Gottes Willen, auch mal Geld in diesen Bildungssektor. Macht mich wahnsinnig, dass man genau weiß, warum die Schule nicht funktioniert und jetzt macht man so einen Quatsch weiter.
SPEAKER_01Was mich auch irritiert, ist, wir wissen ja, oder wir sehen ja, dass die Zahlen der psychisch labilen Kinder immer größer wird und durch Corona ja noch mehr gestiegen ist. Glaubt man da ernsthaft, dass wenn ich solche Sachen, die auch mal einen Ausgleich biete, muss ja nicht immer gleich der große kreative Ausbruch von einem Kind sein, aber es ist halt auch mal eine Stunde, wo man sich mal ein bisschen zurücknehmen kann, wo es vielleicht tatsächlich mal nicht ganz so wichtig ist, wo ich mal einen Ausgleich habe spielerisch, dass das gut tut. Also ich verstehe einfach nicht, dass so viele Punkte nicht berücksichtigt werden.
SPEAKER_02Naja, und ich sehe es ja nicht nur so, dass wir Ausgleichsfächer haben. Ich denke auch, das erlebe ich bei mir in der Schule auch oft. Für viele Kinder ist es auch schön, die, keine Ahnung, eine Leseschwäche haben, eine Dyskalkuli, wenn die in einem Fach einfach mal glänzen können, wenn sie sagen können, hey, und mein Hörspiel habe ich gut hingebracht oder ich kann den Rhythmus klopfen oder ich habe ein tolles Bild gemalt. Also ich denke ja, es wäre auch wichtig, quasi zu sagen, da kann man auch den Wert der Kinder nochmal auf einer anderen Ebene irgendwie festhalten. Und ich denke, es wäre auch für das Selbstbewusstsein vieler Kinder gut, wenn sie auch dort eine Chance hätten, sich zu entfalten.
SPEAKER_01Auf jeden Fall. Wie glaubst du, geht es mit Schulen weiter, die jetzt eine Blaserklasse oder so etabliert haben oder, keine Ahnung, Chorklasse in Verbindung mit einer Musikschule oder so. Das wird ja jetzt dann alles, was man sich vielleicht mühevoll aufgebaut hat, eventuell oder sehr wahrscheinlich natürlich, wieder zerstören, weil ich ja eine Musikschule kommt nicht für eine Stunde irgendwie in die Schule.
SPEAKER_02Also tatsächlich habe ich da jetzt auch extra vorhin nochmal ein bisschen geguckt. Das ist natürlich die große Sorge, weil dann ist es nämlich plötzlich kein reines schulisches Problem mehr, sondern dann geht es auch in unser aller kulturelles Leben, was ich sowieso glaube, je weniger Musik und Kunst du machst, umso weniger werden sich die Kinder dafür interessieren und öffnen lassen. Also das mal ganz abgesehen. Bei den Bläserklassen, denke ich, wird sehr stark davon abhängen, ob halt eine Schulleitung sagt, ja, wir wollen das und ich setze mich dafür ein und kürze dann natürlich in einem anderen Bereich massiv. Also man spielt, also was ich daran auch so traurig finde, man spielt die Fächer gegeneinander aus, die man gar nicht gegeneinander ausspielen sollte, weil ja jedes seine Berechtigung hat. Und ich denke, wenn man eine Grundschule hat, die sagt, wir wollen unsere Bläserklasse weitermachen, kann das schon passieren. Aber dann halt auf Kosten der anderen Fächer. Und wenn du jetzt eine Schulleitung hast, die sagt, boah, das braucht ja kein Mensch, dann ist die Bläserklasse natürlich weg, ja.
SPEAKER_01Ja, oder es bleibt dann wieder an den Hängen, wo wir zu wenig haben am Lehrer, der oder an der Lehrerin, der dann so engagiert ist und sagt, okay, ich will das aber nicht aufgeben.
SPEAKER_02Ja, genau. Das kann sein, ja. Aber das ist eben das, was ich mir auch denke. Es ist halt, deswegen ist es ja auch gut, dass sich jetzt so viele beschweren und so viele wehren, weil es eben dann kein Grundschulproblem bleiben wird, weißt du, das ziehen wir ja dann hoch.
SPEAKER_01Du hast schon angesprochen, dass es ja natürlich auch Fachkräftemangel in der Grundschule gibt. Warum glaubst du eigentlich, ist das so? Also, warum haben wir so wenig? Also, wir haben sowieso per se wenig Lehrer, das ist, glaube ich, klar. Aber warum auch so wenig musische, ausgebildete?
SPEAKER_02Naja, also man kann ja Musik in der Grundschule entweder als Unterrichtsfach nehmen. Wenn man es als Unterrichtsfach nimmt, kann man es auch an der Musikhochschule studieren. Oder man hat es halt als eines von diesen drei Didaktikfächern, was dann an der Uni gelehrt wird. Ich erlebe halt, ich arbeite ja auch in einer Abordnung an der Musikhochschule in Würzburg bei den Schulmusikern. Ich erlebe halt, dass die Aufnahmeprüfungen für junge Studierende, die das gerne für die Grundschule machen wollen, nur unerheblich leichter sind als die, die für ein Doppelfachgymnasium antreten. Das führt also dazu, dass an den bayerischen Musikhochschulen quasi de facto fast niemand studiert für die Grundschule, weil einfach das in keinem Kosten-Nutzen-Verhältnis steht. Also zum Teil wird einem da durch die Eignungsprüfung quasi das schon ein bisschen vermiest. Und dann hast du aber das Problem, dann gibt es ganz viele, die diese Basisqualifikation Musik erwerben. Das ist ja so bös gesagt so ein bisschen mehr als eine Semester-Block-Veranstaltung. Und in deren Händen liegt dann die musikalische Ausbildung der Kinder. Und das führt halt echt, also das sind halt Sachen, die verstehe ich nicht, weil da geht es um Stimme, da geht es um Wahrnehmung, da geht es um Atmen, um alles. Das drückt man einfach irgendwem in die Hand, der das mal leider nur ein halbes Jahr gemacht hat. Und das ist ja das Absurde. Bei dieser Bertelsmann-Stiftung hat ja Bayern keine Daten eingereicht. Die Bertelsmann-Stiftung hat versucht, herauszufinden, wie viel fachfremder Musikunterricht geführt wird. Und Bayern hat gesagt, bei uns gibt es keinen fachfremden Unterricht, weil jeder, der diese Basisqualifikation hat, also so einen Wochenendkurs, ist halt Fachpersonal. Und damit war die ganze Studie zu Deutsch gesagt für ein Eimer, ja. Und so ist das, also du hast halt wenig Leute, die sich wirklich mit der Materie auskennen und deswegen, da kann man im Prinzip den Bogen schließen. Das ist natürlich auch super angenehm. Jetzt dann schmeißt halt so ein Schulleiter einfach Musik raus, weil er sagt, ich habe eh keinen, der das gescheit kann. Dann machen wir es halt gleich gar nicht, ja.
SPEAKER_00Erschreckend, was da läuft. Ich bin gerade ein bisschen sprahllos, weil ich das von der Studie zum Beispiel gerade gar nicht wusste.
SPEAKER_02Ja doch, da steht Bayern und noch ein zweites Land, ich weiß nicht mal, welches haben keine Daten eingereicht und dann habe ich mal nachgeforscht und das liegt einfach daran, dass es bei uns keine Farfremdenlehre gibt.
SPEAKER_01Wenn wir ganz kurz mal weggehen von der Grundschule. Ich habe mitbekommen, dass ja die Anmeldezahlen für Schulmusik jetzt auch nicht so hoch waren, also vor allen Dingen in Würzburg. Woher kommt das, dass auch generell wenig Menschen Musik studieren wollen, auf Lehramt zumindest?
SPEAKER_02Du hast, also man hat da mehrere Theorien. Also zum einen ist es natürlich die Theorie, dass der Lehrerberuf an sich an Attraktivität verloren hat, ganz unabhängig von der Musik. Und dann befindet man sich natürlich schon noch in so einem Corona-Loch, sage ich mal. Also die Jahrgänge, die darüber nachdenken hätten könnten, waren die, die in zwei Jahren keine Ensemblen musizieren konnten, keinen Instrumentalunterricht richtig, also außer online gehabt haben. Also ich glaube, dass ja, es wird ja bei dir auch so gewesen sein, diese Faszination, Schulmusik zu studieren, kommt natürlich auch vom gemeinsamen Musizieren. Ja, genau. Und da sind, glaube ich, einige Jahrgänge halt auch zu kurz gekommen. Und wenn du dann nicht fühlst, wie gut das ist und wie viel Spaß das macht und wie das Menschen verändert und prägen kann, dann hast du natürlich auch das Bedürfnis nicht, ja.
SPEAKER_01Gehen wir mal vom Worst Case aus. Der Beschluss bleibt. Wie können wir das jetzt auffangen, dass es nicht komplett um die Ohren fliegt?
SPEAKER_02Ja, das ist die spannende Frage. Also ich meine, ich habe in meiner ersten Wut, ich habe eine Kollegin, die ganz lange in Amerika unterrichtet hat, die dann gesagt hat, weißt du was, darauf wird es rauslaufen. Man wird gucken, die Leute, die sich es leisten können, die lassen halt ihre Kinder irgendwo anders ausbilden und der arme Rest muss dann halt auf das, was als staatliches Konstrukt übrig bleibt. Ich weiß nicht, wie man es auffangen kann. Also letztendlich läge es am Ministerium zu sagen, wir investieren in kleinere Lerngruppen, in mehr Ressourcen in dem Bereich, in Sozialarbeiter, in Binnendifferenzierung. Wie wir das auffangen können, weiß ich manchmal nicht. Natürlich gibt es so schöne Aktionstage, Musik und irgendwelche Projekte, aber die leben davon, dass irgendwelche Idealisten wahnsinnig viel Freizeit reinstecken. Und das kann ja keine länderübergreifende Bildungsoffensive sein. Die kannst du im Kleinen sicherlich weiterhalten, aber groß sehe ich keine Chance.
SPEAKER_01Ich fände ein bisschen schade, generell jetzt auf die Kultur zu sprechen, wenn ich mich an Corona erinnere. Ich habe ja auch noch Musikverein in Bayern. Und da war ja dann damals auch der Aufschrei große A, wir kommen ganz am Schluss. Söder nennt uns ganz am Schluss, irgendwie einmal gar nicht, dann bei der nächsten irgendwie ganz. Und damals wurde es so, ja, wenn wieder was Politisches dann ist, dann spielen wir nicht. Das ist aber nie passiert, weil ja dann jetzt, wenn es offen ist, wieder jeder da ist. Ich glaube tatsächlich, wir müssten das einfach mal durchziehen. Weil ich habe das auch an verschiedenen Schulen mal mitbekommen. Und so, es gibt Schulleiter, da ist die Musik immer nur dann gut, wenn man so sagen kann, das ist die Musikfachschaft. Aber unterm Jahr ist es völlig egal, was er macht. Und Sonderbroben gehen nicht. Und aber wenn irgendwas ist, dann müssen wir spielen. Ich glaube, wir müssten da einfach auch mal selbst mehr auf den Tisch hauen.
SPEAKER_02Ja, das ist halt immer die Frage. Also wir haben uns die Frage an der Schule tatsächlich auch gestellt, weil wir auch tatsächlich beim Ministerpräsidenten musiziert haben. Wir haben dann halt immer gesagt, das Problem ist ja, dass du klar irgendwie für die politische Agenda arbeitest, aber du arbeitest halt auch für deine Schüler. Und die Frage ist halt, wenn wir unseren Schülern sagen, so, wir spielen jetzt nicht mehr oder wir lassen es jetzt mal drauf ankommen, wir lassen das an die Wand fahren. Wir machen keine Sonderproben, über die sich ja dann immer alle so aufregen. Wir lassen es einfach mal an die Wand fahren. Ist es halt letztendlich, letztendlich geht es dann an unseren Schülern auch aus, gell?
SPEAKER_01Meinst du, das wissen die?
SPEAKER_02Nee, das glaube ich nicht, dass sie das wissen. Ich meine, das siehst du ja an der Politik, die sie machen. Das ist es ja. Sie sehen ja nicht irgendwie, wie wichtig das ist. Und ich weiß auch nicht, wie man das jemandem klar machen soll.
SPEAKER_01Ja, das hat auch letztendlich einer zu mir gesagt, das ist, ähm, hat auch gesagt, ja, das ist ja überhaupt nicht verwunderlich, weil alle, die dir das nicht selber gemacht haben und selber erfahren haben, was Musik mit einem macht oder auch Kunst und so, die können das gar nicht greifen. Für die ist das okay, dann singen die halt mal eine Stunde weniger.
SPEAKER_02Genau, denen fehlt, glaube ich, echt, da so eine gewisse Dimension halt. Und du hast natürlich schon Leute, also weißt, wir haben im Ministerium jemanden, der für die musischen Gymnasien zuständig ist, der selber leidenschaftlicher Chorsänger ist, der geht da natürlich mit einem ganz anderen Gefühl ran, dem kann man das erklären und der hat Verständnis, aber ich glaube, wenn du nicht weißt, was das mit dir macht, dann fehlt dir halt diese Dimension, aber das tut nicht weh, wenn dir die fehlt, ja.
SPEAKER_01Wie können wir denn eine bessere Lobby noch aufbauen für Musik, vor allen Dingen Musik in der Schule? Habt ihr da eine Idee?
SPEAKER_02Also auf jeden Fall, was uns halt schadet, ist auf jeden Fall der Föderalismus. Also das ist ja für mich auch ein Grund, warum ich in den BMU bin, dass wir sagen, wir müssen uns viel mehr zusammentun. Wir lassen uns so sehr auseinanderdividieren. So ungefähr, dann sind wir froh als Bayern, weil wir es noch nicht so haben wie, keine Ahnung, jetzt Bremen oder so. Also das ist schon mal was, dass man sich viel zu sehr auseinanderdividieren lässt. Und man müsste im Prinzip dann, dann finde ich dieses Fächer gegeneinander ausspielen, so doof. Also das wäre auch sowas, wo man sagt, was wollen wir eigentlich als Schule? Eigentlich wünsche ich mir eine Vision. Wie wollen wir Schule haben? Was wollen, also wie wollen wir Kinder rausschicken, wie wollen wir sie aufs Leben vorbereiten und dann mit einer gemeinsamen Agenda, man lässt sich viel zu oft auseinanderdividieren. Das liegt auch an dieser Scheiß-Testerei. Ich sage immer, unsere Mathe-Lehrer, die irgendwie im Oktober gleich den ersten Jahrgangsstufentest machen müssen, die sind natürlich mega unentspannt, wenn wir gleich mal wegfahren oder sowas. Ich verstehe das schon, das sind ja so Sachzwänge. Aber diese ganze Testerei, also ich finde, man hat voll aus den Augen verloren, was wir eigentlich mit Schule wollen, was Schule für Chancen hat, im Leben von Jugendlichen sein zu können.
SPEAKER_01Ja, wobei ich bei uns feststelle, dass es weniger die Kollegen als die Kinder mittlerweile sind. Wir fahren auch Ende Oktober weg. Und wir haben jetzt immer mehr diesen, also vor allen Dingen noch eher von den kleineren. Wir bleiben daheim, die Mama will nicht, dass ich was verpasse, was aber, also wenn wir fahren, ist ein Drittel der Schule weg.
SPEAKER_02Ja, genau, ist bei uns auch so, da geht eigentlich nichts mehr, wenn wir weg sind. Genau, da läuft die Hälfte weg, genau.
SPEAKER_01Genau. Und wir sagen dann auch immer, ja, es passiert nichts und vor allen Dingen, je mehr mitfahren, desto weniger wird der Ehemacht. Also es ist ja, und ich weiß, also wenn ich mich an meine Schulzeit zurückerinnere, war das nicht so. Also ich war froh, wegzugehen. Also ich hatte nicht so diese permanente Angst, irgendwas zu verpassen.
SPEAKER_02Ja, das geht mir genauso und das irritiert mich auch immer wieder. Ich habe auch mit meinen Oberstufen immer die Diskussionen, wo ich sage, sag mal, Leute, niemand braucht ein 1,0 Abitur. Es ist doch viel wichtiger, dass man die Dinge macht, irgendwie, auf die man Spaß hat, also wo man Spaß hat. Also das erlebe ich auch, dass dieser komische Leistungsdruck da zunimmt, obwohl es ja wirklich de facto keinen Grund dafür gibt. Also wenn du jetzt nicht unbedingt ein Medizinstudium anstrebst, ist das erstmal egal. Ich sehe natürlich schon auch, also ich habe ja auch einen Sohn im Gymnasium, ich sehe natürlich schon auch, der war jetzt letzte Woche zwei Tage krank. Das ist natürlich immens, was der sich an Zeug beschaffen muss. Nur denke ich, sage ich mal, das Wissen in Anführungszeichen, was er verpasst hat, ist lang nicht so eklatant, ja. Aber dann ist hier das Arbeitsblatt und da der Hefteintrag. Und ich glaube, Eltern sind da auch ängstlicher geworden und Kinder dann natürlich weniger selbstbestimmt. Ich glaube, da hast du schon recht. Ich bin halt dann damals einfach gefahren und dann versaust du halt mal die eine Schulaufgabe danach. Es hat ja eigentlich keinen gejuckt.
SPEAKER_01Ja. Das finde ich sehr schlimm. Und was mir auch auffällt, und da wäre natürlich Musik und Kunst und solche Fächer extrem wichtig, ich finde, vielleicht ist es auch Corona-Ausläufe. So der Umgang miteinander und diese Empathiefähigkeit oder auch einfach mal an was dranbleiben, das hat stark nachgelassen.
SPEAKER_02Das hat aber, also das war ganz lustig, ich war vor zwei Wochen in einem Kurs auf Kloster Banz, ein Medienkurs, und da waren so Mediencoaches und die haben gesagt, sie haben genau die Probleme mit Jugendlichen, dass sie das Gefühl haben, dass an was dranbleiben wird schwieriger. Und das finde ich eben, das ist ja was, was du an Musik super gut lernen kannst. Also mein Zwölfjähriger jetzt gerade, wenn mal üben muss, das tut ihm echt gut. Und eben sagen, und wenn ich es nochmal mache und nochmal und dann wird es besser und mal über eine Woche die Stelle üben und dann läuft es, ja. Ich glaube, das ist wiederum ein generell gesellschaftliches Problem, ja. Ich merke halt auch oft, also ich weiß nicht, ob das dir in der Schule auch so geht, aber ich merke natürlich auch oft, dass Eltern viel mehr Hindernisse wegräumen, als das für mich geräumt wurde. Dass man halt sagt, okay, keine Ahnung, die will jetzt sich keinen Bikini anziehen, also geht sie nicht zum Schwimmen. Die hat jetzt heute Halsschmerzen, also geht sie nicht in den Chor und so. Wo halt meine Mama noch gesagt hat, du zockst dich halt rein und schaust, was du mitkriegst, schaust, was du hinkriegst und wenn es nicht mehr geht, dann. Also das merke ich schon auch. Und das, glaube ich, suggeriert halt Kindern auch, dass sie das gar nicht können müssen.
SPEAKER_01Ja, also das ist, also wir sind ja eine, wir haben Profilklassen, also fünf bis sieben müssen, die bei uns Blättergesang oder Streicherklasse machen. Also die wissen quasi, wenn sie zu uns kommen, das ist Fakt. Und das nimmt bei uns tatsächlich gerade auch sehr zu, dieses, oh, ich habe Halsschmerzen, ich kann heute nicht spielen, wo ich dann sage, aber Halsschmerzen geht's. Oder ich bin heißer, ich kann keine Trompete spielen, wo ich sage, du brauchst deine Stimme nicht zum Spielen. Das geht. Also dieses, ich probiere es nicht mal. Ja, genau.
SPEAKER_02Und ich sage halt, ich sage meinen halt in die Chorprobe, setzt euch bitte trotzdem mit rein und macht die Eintragungen, dann singst du halt nicht, wenn du heiser bist. Aber geprobt wird ja trotzdem.
SPEAKER_01Dieses Teamdenken und ich mache das ja auch für die anderen mit. Und wenn ich fehl, ist es für die anderen auch nett cool, weil dann klingt es nicht. Und dann so, das ist irgendwie nicht weniger gewonnen. Ich will nicht sagen, nicht mehr da, aber es ist weniger geworden.
SPEAKER_02Ja, das stimmt. Und das, also, ich meine, klar, wir können ja nur nehmen, was wir quasi in die fünfte Klasse kriegen, aber ich denke, das ist natürlich auch ein Problem, dass in der Grundschule sowas dafür einfach keine Zeit mehr ist oder keine Ressourcen, ja.
SPEAKER_01Ja, auf jeden Fall. Was ist aber jetzt abschließend deine größte Angst bei dem Ganzen? Also, wovor hast du jetzt am meisten Angst? Was passiert?
SPEAKER_02Also am meisten Angst habe ich, dass, also erstmal passiert, was ich ja vorhin schon gesagt habe, dass es Schulen gibt, die zwangsläufig ohne Musik auskommen werden, aber die allergrößte Angst ist, dass es irgendwann keinem mehr fehlt, dass es keinen Widerstand mehr gibt und dass sich das schleichend dann nach oben zieht. Dass man dann eben sagt, so, vielleicht brauchen wir das ja auch gar nicht mehr so dringend in der Sekundarstufe und so. Davor habe ich richtig Angst, dass man eben irgendwann so abstumpft, dass man sagt, naja, braucht man eigentlich eh gar nicht oder immer weniger. Das ist meine allergrößte Angst.
SPEAKER_01Okay. Das heißt, alle, die zuhören, Petitionen unterschreiben. Können wir sonst noch irgendwas tun?
SPEAKER_02Unbedingt. Naja, am besten halt auch Musik machen. Egal ob im schulischen oder im privaten Raum Musik machen, Kunst gucken, andere Ausdrucksmöglichkeiten zu finden, unseren Kindern Horizonte eröffnen, die sie sonst nicht hätten. Genau.
SPEAKER_01Und jetzt, um da ein bisschen gegenzuwirken, was kann Otto Normalverbraucher tun, außer Petitionen? Wir schreiben wahrscheinlich gar nicht viel.
SPEAKER_02Naja, also die Eltern haben schon eine Riesenlobby in Bayern. Also wenn so ein Elternverband sich mal noch einschalten würde, das wäre eine coole Sache. Wir würden uns auch freuen, wenn so jemand wieder Philologenverband oder so dazu mal eine Meinung hätte. Es gibt schon ein paar Verbände, die deutlich Mitgliedstärker sind und sich gerade noch nicht geäußert haben.
SPEAKER_01Woran liegt es, dass so ein Philologenverband sich nicht äußert?
SPEAKER_02Naja, wir haben halt kaum eine musische Vertretung im Philologenverband. Der Philologenverband sieht sich zwar als gymnasialer Verband, aber da sind wir jetzt nicht explizit mit eingenommen, habe ich immer den Eindruck, auch bei den politischen Sachen, die so passieren.
SPEAKER_01Also dann hoffen wir, dass wir das irgendwie nochmal umbiegen können. Im Sinne der Kinder und im Sinne der Gesellschaft, würde ich sagen.
SPEAKER_02Auf jeden Fall Gesellschaft, ja.
SPEAKER_01Und ich werde das mal beobachten, was da jetzt so noch passiert und vielleicht sprechen wir dann nochmal.
SPEAKER_02Ja, total gerne, Andi.
SPEAKER_01Dann vielen lieben Dank, dass du dir für heute Zeit genommen hast, dass wir da mal kurz ein bisschen Einblick kriegen in eure Arbeit, was da so passiert, warum das passiert und welche Auswirkungen das eigentlich wahrscheinlich hat.
SPEAKER_02Ja, danke, dass ich da sein durfte.
SPEAKER_01Gerne, gerne. Das war die Folge mit Eva Riedl. Vielen Dank, dass ihr bis hierhin gehört habt. Das Thema ist sehr, sehr wichtig. Wir haben wirklich Angst, dass die Musik zunehmendst verschwinden wird. Natürlich nicht nur die Musik, sondern eigentlich alle Künste und alles Ästhetische. Und das ist so, so wichtig für die Kinder, für uns als Gesellschaft. Wenn ihr also die ganze Sache unterstützen wollt, bitte klickt auf die Petition in den Shownotes und reicht das gerne weiter. Dieses Thema braucht ganz, ganz viel Aufmerksamkeit, damit wir eine Chance haben, das Ruder nochmal rumzureißen und wenn ihr Eltern seid, dann versucht auch da eure Stimme laut zu machen. Wie Eva schon gesagt hat, es gibt Elternverbände. Wir brauchen wirklich jede Unterstützung. Ich hoffe, es hat euch gefallen, dass es auch mal eine Sonderfolge zu so einem aktuellen Thema gab, die zwar nicht so lang war, aber zumindest das Thema versucht hat darzustellen. Ich würde mich auch hier über Feedback freuen, natürlich auch, wenn ihr die Folge teilt. Und hoffe, ihr seid natürlich beim nächsten Mal auch wieder dabei. Ich wünsche euch alles Gute, macht's gut. Euer Andi.